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Bogotá – Kolumbiens Millionenmetropole im Wandel


Acht Millionen Realitäten pulsieren durch die Straßen unter uns. Wir sehen sie alle.
Die Sonne scheint auf dem Monserrate, dem Museumsberg am Fuße Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Wir überblicken weite Teile der Millionenmetropole, sehen Backsteingebäude und graue Wolkenkratzer. Zugegeben, von oben scheint Bogotá wie eine riesige Ansammlung von Beton mitten in den Berg gekippt. Doch wie bei allem zählen auch hier die inneren Werte.

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Monserrate: Bogotá von oben

Weiter unten, in den Gassen, Alleen und auf den Plätzen der Stadt trifft man auf kreatives Chaos. Anzugträger hetzen mit Handy am Ohr von A nach B. Verkaufsstände drängen sich dicht an dicht auf die Fußẃege. Alte Cachacos, so nannten sich Bogotaner noch vor wenigen Jahrzehnten, sitzen auf der Straße und spielen Schach. Straßenkünstler unterhalten die Vorbeigehenden und bieten Kunsthandwerk an.

In den letzten Jahren ist die Stadt aus allen Nähten geplatzt: Die Ära der Drogenkartelle und des Bürgerkriegs hat viele Kolumbianer vom Land in die Städte getrieben. Immer noch wächst Bogotá rasant und Menschen bleiben auf der Strecke. So glitzern nach Einbruch der Dunkelheit in den fernen Berghängen unzählige Lichter – Was von unten romantisch aussieht, ist eine düstere Realität für viele. Dort oben wuchern die sogenannten Comunas, Armutsviertel für diejenigen, deren Geldbeutel nicht mit den schnell steigenden Mieten in der Großstadt mithalten kann. Als Tourist sollte man sich auf keinen Fall dort hineintrauen – selbst Bogotanos setzen keinen Fuß in diese von Kriminalität zerfressenen Stadtteile.

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Soziale Ungerechtigkeit in der Metropole

Das Wachstum brachte auch Positives. Bogotá profitiert von jungen Kreativen, Studenten, Gründern und zunehmend auch internationalen Gästen. Rund um den Parque 93 finden sich Boutiquen, Programmkinos, erstklassige Cafés und Restaurants. Der Stadtteil Usaquen lädt jeden Sonntag zum Straßenflohmarkt ein, der problemlos mit denen in Berlin, Leipzig oder Hamburg mithalten kann – moderne Fashion, Kunst-Performances und exquisites Streetfood prägen das Bild.

Mobiler Buchverleih im Praque 93
Mobiler Buchverleih im Parque 93
Der Mercado de Pulgas in Usaquen bietet allerhand Leckereien
Der Mercado de Pulgas in Usaquen bietet allerhand Leckereien

In der Candelaria, dem historische Zentrum, verschmelzen Moderne und Geschichte. Das Viertel beherbergt den imposanten Regierungspalast sowie den Justizpalast, der 1985 von Guerillagruppen besetzt und mit Waffengewalt zurückerobert wurde. Im Botero-Museum kann man originale Picassos, Monets und natürlich auch Boteros bestaunen. Die Straßen sind eng und aus Backstein, die Häuser bunt angemalt. Beinahe vergisst man, dass man sich in einer Acht-Millionen-Metropole befindet – wäre da nicht die Street Art.

Plaza Simón Bolivar - Bogotás Regierungszentrum
Plaza Simón Bolivar – Bogotás Regierungszentrum
Picasso-Originale im Botero-Museum
Picasso-Originale im Botero-Museum

Seit wenigen Jahren ist Bogotá zum Hot Spot für Graffiti avanciert. Die Gesetze für Spray Art sind hier im Gegensatz zu europäischen Metropolen locker und Hauseigentümer bitten teils sogar um Graffiti-Gemälde an ihren Wänden. Auf dem ältesten Gebäude der Stadt prangt ein surreales Kunstwerk eines lokalen Künstlers. Überall in der Candelaria gibt es Avantgarde-Spraykunst zu bestaunen – in Südamerika können nur São Paulo und Mexico City mit dieser Vielfalt mithalten.

Graffiti auf Bogotás ältestem Gebäude
Graffitikunst auf Bogotás ältestem Gebäude

Der Abend bricht über der Stadt hinein. Wir sitzen in der Candelaria und hören einer spontanen Jam-Session auf der Straße an. Wenige Meter von uns entfernt sammelt ein Obdachloser Bierdosen. Uns gegenüber hört eine Gruppe Universitätsstudenten verträumt der Musik zu. In der Ferne glitzern die Berge. Bogotá vereint Armut und Reichtum, Fortschritt und Geschichte. Irgendetwas sagt mir, dass diese Metropole in der Zukunft auch weltweit wichtiger wird – Schon jetzt braucht sie sich nicht hinter Berlin oder London verstecken.

Autor: Max Schneider